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LANDSCHAFTEN MIT MILCHSTRASSE – IST DAS NOCH REAL?

LANDSCHAFTEN MIT MILCHSTRASSE …oder die Frage: Warum belügen wir uns selbst?

Jetzt, in den Monaten zwischen Mai und August, steht in den Nächten mit Neumond die Milchstraße besonders gut sichtbar, in südlicher Richtung über dem Horizont.

Diese Gelegenheit nutzte ich am vergangenen Wochenende ebenfalls und bin gegen 01:00 Uhr in den Pfälzerwald aufgebrochen. Im grellen Licht der Stirnlampe lief ich durch die Stille der Nacht hinauf, zu einem meiner Lieblingsfelsen.

Als ich ankam, suchte ich den Himmel nach dem Stand der Milchstraße ab. Nach einiger Zeit der Dunkeladaption meiner Augen entdeckte ich schwach schimmernd das Band am Himmel. Der würzige Duft von Kiefern dieser lauen Mainacht kroch in meine Nase, traumhaft.

Doch ich möchte diesem Artikel keine Romantik und Abenteuerlust verleihen, ich möchte kritisch mit unserer Art von Bildbearbeitung umgehen.

Aktuell sind vor allem in den sozialen Netzwerken besonders viele Fotos von Landschaften mit Sternenhimmel und der Milchstraße zu sehen. Wenn ich diese Fotos sehe, frage ich mich, wo wurden diese grandios herausgearbeiteten Milchstraßen denn gesichtet? Und dann merke ich, die Kollegen waren in der selben Nacht, manche sogar in der gleichen Region wie ich unterwegs.

Und jetzt?

Genau das frage ich mich, wenn ich am Rechner sitze und beim Bearbeiten meiner Fotos überlege, ob ich die Sichtbarkeit der Milchstraße denn so dramatisieren soll, wie ich es mit dem bloßen Auge vor Ort nicht erlebt habe. Soll ich ebenfalls mit vielen Kontrastanpassungen, diversen Maskierungen sowie Dodge & Burn Techniken etwas herausarbeiten, was es nur in meiner Fantasie gibt?

Ich habe im Laufe meiner Reisen und der dabei durchgeführten Nachtfotografie noch keine Milchstraße gesehen, wie sie auf vielen Fotos zu sehen ist. Dabei war ich an Orten mit tendenziell keiner Lichtverschmutzung, wie mitten im Indischen Ozean auf den Malediven. Ich stand in einer Höhe von runden 2200m auf der Caldera des Teide, dort wo die Luft dünn und klar ist, wo sich kaum Dunst vor den Sternenhimmel setzt. Nirgends sonst sah ich eine so klare Milchstraße wie an den genannten Orten. Erst recht nicht in den dicht besiedelten Regionen Mitteleuropas.

Selbst in meiner Heimat, der Pfalz und dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands, dem Pfälzerwald, ist immer noch so viel Lichtverschmutzung am Nachthimmel, dass eine klare Struktur der Milchstraße nicht durchkommt.

Macht man sich mal den Spaß und googelt nach Milky Way und NASA, findet man Fotos vom Hubble Teleskop, die erahnen lassen, wie die Milchstraße aussehen muss oder soll. Fotos, die von außerhalb unseres Planeten gemacht worden sind. Keine Lichtverschmutzung, keine atmosphärischen Störungen, pures Nichts umgibt dort diese Kamera.

Warum versuchen wir auf der Erde unsere Fotos so zu trimmen, als sähen wir die Milchstraße genau so.

Würde ich nun meine Fotos so veröffentlichen, wie sie aus der Kamera kommen, keiner würde sich das ansehen. Viel zu unspektakulär, viel zu wenig Boah Effekt. Wir photoshopen unsere Nachtfotos nach der Devise, meine Milchstraße war viel dramatischer als Deine, höher, schneller, weiter, besser! Drama Baby.

Ich möchte in diesem Beitrag nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern mir schwirrt die Frage während der Bildbearbeitung durch den Kopf, wie weit gehe ich. So, wie der Himmel im RAW File aussieht, so scheint es sehr der optischen Realität vor Ort zu entsprechen, aber nicht ganz. Die Kamera sammelt während der Belichtung mehr Licht auf den Sensor, als wir mit unserem Auge wahrnehmen können. Folglich scheint das Foto mehr Sterne zu haben, als wir sahen. Natürlich ist ein RAW per se ein dummes File, es muss erst einmal vom RAW Konverter interpretiert werden . Das tun wir mit der RAW Entwicklung, da das Foto sonst saftlos wirkt.

Bewusst habe ich ein paar Fotos der oben genannten Stellen aus meinem Archiv rausgesucht.

Ein mal als RAW mit allen Reglern auf Null.

Dann als entwickeltes RAW, wobei ich bei der Entwicklung von Nachtfotos gerne schon einen Verlauf in Lightroom mit ca 2/3 Blenden Abdunklung, etwas Kontrastanhebung und etwas verstärkter Klarheit auf den Himmel lege. Final dann die fertig bearbeitete Datei.

RAW ohne Korrekturen
RAW ohne Korrekturen
RAW mit Anpassungen
RAW mit Anpassungen
RAW ohne Korrekturen
RAW ohne Korrekturen – Teide Teneriffa
RAW mit Anpassungen
RAW mit Anpassungen – Teide Teneriffa
RAW ohne Korrekturen
RAW ohne Korrekturen – Malediven
RAW mit Anpassungen
RAW mit Anpassungen – Malediven

Gerne möchte ich mit diesem Beitrag zur Diskussion anregen. Wer ehrlich zu sich selbst ist, und das bin ich, schaut sich seine RAW Dateien an und seine fertigen Fotos.

Ist das noch Realität? Will ich Realität abbilden? Will ich mich selbst belügen und suggeriere den Betrachtern meiner Nachtfotos, wie toll der Nachthimmel war um einen Aha-Effekt zu hinterlassen und Traffic zu erzeugen?

Ich schwanke zwischen Drang zur Realität und künstlerischer Darstellung und versuche einen gesunden Mittelweg zu finden.

Wie seht Ihr das?

Vielleicht interessiert Euch auch dieser Blogbeitrag Projekt Milchstraße – wie ich es mache

6 Comments

  • Tristan Morris Mai 10, 2016 - 7:11am

    Der Artikel ist gut geschrieben, du hast eine schöne Art dich zu artikulieren.
    Aber der Inhalt des Artikels wirft ein paar Fragen auf.
    Kann es sein, dass Photoshop für dich nichts mit Fotografie zu tun hat?
    Es wirkt z.T. so, auch wenn man deine Kommentare liest hat man schnell das Gefühl durch Aussagen wie: „Ich versuche ein Bild in der Kamera fertig zu haben.“.
    Warum? Seit ca. 500 Jahren arbeiten wir mit Fotografischen Mitteln und bist zur Digitalkamera ist nie auch nur ein Fotograf davon ausgegangen, dass das Foto nach dem Auslösen fertig ist. Dieses Phänomen tauchte erst auf, als die Leute ihre vermeintlich fertigen Fotos auf einem Display betrachten konnten.
    Richtig ist das aber nicht.
    Photoshop bietet ja nichts, was es nicht auch in der analogen Fotografie und Bildentwicklung nicht schon gab.
    Alle Werkzeuge, viele Filter und noch mehr Effekte wie man sie aus Photoshop kennt basieren auf einer „realen“ Grundlage.
    Und die meisten davon sind schon seit einigen Generationen in Gebrauch.
    Photoshop ist nichts anderes als die Werkzeugsammlung eines Meisterfotografen. So wie man sie vor 20 Jahren noch in jedem Studio, jedem Labor und jedem Atelier gefunden hat.
    Warum also nicht das was dein Foto bietet mit Photoshop freilegen? Ein perfektes OOC, so meine Beobachtung, ist etwas wonach nur Anfänger und weniger motivierte Fotografen suchen.

    Dann frage ich mich, wo dein Entwicklungsgeist bleibt? Fortschritt findet auch in der Fotografie statt. Alles wird besser, größer, weiter. Deine persönliche Haltung zu dem Thema scheint sehr verschroben, fast schon ablehnend zu sein.
    Wieso?
    Profitieren wir nicht alle von den hohen DRM Werten die die Kameras mittlerweile liefern?
    Landschaftsfotografen können auf HDR verzichten, Portrait Fotografen haben mehr Spaß mit AL, Makrofotografen können mittlerweile ohne Blitze grandiose Fotografien fertigen… Und mit Photoshop entwickelt man sein Bild in 3 Stunden statt in 3 Tagen.
    Mir fällt beim besten Willen kein Grund gegen den technischen Fortschritt ein.
    Wenn die Kamera vor 5 Jahren aufgehört hätte sich zu entwickeln, würden bald alle Fotografen auf der Stelle treten weil die Möglichkeiten irgendwann ausgeschöpft wären. Die Gefahr besteht ja ohnehin. Nicht nur in der Fotografie, auch in der Musik sind die gestalterischen Möglichkeiten beschränkt, „neue Musik“ spielt immer noch dieselben 4 Akkorde wie schon einst die Beatles. Nur der Sound bietet die Möglichkeit da etwas Individualismus reinzubringen. Oder Maler. Öl, Acryl, Wasser… Mit denselben drei Farben werden seit Jahrhunderten Gemälde gefertigt.
    „Früher“ konnte man keine AL Nachtportraits machen. Da wurde mit irrational vielen Blitzen und Lichtern gearbeitet. Heute kann ich jedes Model unter eine Strassenlaterne stellen und sie fotografieren.
    Ich bin gespannt darauf was uns die Zukunft noch so bringt und wie die Kamerahersteller uns die Möglichkeiten geben werden unsere Welt und unsere Wahrnehmung in ein völlig anderes Licht zu rücken. Und ich kann nur hoffen das du dir eine kleine Scheibe von der Einstellung abschneidest. Ich garantiere dir, du wirst einen völlig neuen Spaß an der Fotografie entdecken 😉

    Antworten

    • Raik Mai 10, 2016 - 8:01am

      Danke für Deinen Ausführlichen Kommentar. Ich mag es wirklich, mich mit Menschen auf Augenhöhe und mit Niveau zu unterhalten.
      Keineswegs verteufele ich Photoshop, im Gegenteil, ich nutze es für meine Fotos, soweit ich es eben muss. Nochmal, mein Ziel ist es, ein Foto in der Kamera
      fertig zu haben. Es ist mir lieber, eine Stunde länger in der Natur zu stehen als am Rechner zu sitzen. Doch oft geht es nicht anders und ich bin kein Dogmatiker.
      Ich nutze es, wenn die Fähigkeiten meiner Kamera am Ende sind, z.B. Belichtungsüberblendungen.
      Mein Gedanke allerdings ist, wie viel EBV muss ein, wie viel, bis es anfängt komisch zu werden. Wir Deutschen neigen ja dazu, immer den Finger zu heben nach dem Motto:
      Du, so nicht! Ich habe in dem Artikel laut gedacht und meine Art der EBV bei genau diesen Fotos in Frage gestellt vor dem Hintergrund, dass Kollegen es aus meiner Sicht
      etwas übertreiben. Aber alles nach Gusto.

      Stell Dir vor, ich war dieser Tage bei einem tollen Italiener Essen. Super Pizza, klasse Teig, aus dem Holzofen, klasse belegt, frischer Rukola, ein paar Scheiben Parmaschinken, ein paar Hobel Parmesan. Doch was macht der Banause, er kippt final Crema die Balsamico drüber. Das ist genau das, was ich ,meine.

      Und ich denke als guter Fotograf hat meine seine Technik vor Ort soweit in Griff, dass man keine Kunstwelten am Rechner erschaffen muss.
      Jeder soll das machen, was ihm gefällt.

      Zurück zur Musik, schon einmal eine vernünftige E-Gitarre an nem vernünftigen Amp ohne viel Trallala gehört? Slash meines Erachtens, einer der besten Gittaristen, macht das so. Noch ein Echo und ein Wah Pedal dazu fertig. Dann kommen die Pseudo Rocker und haben 20 Tretminen auf dem Boden, 10 Effekte im Rack und klingen nach Charts Einheitsbrei. Das ist dann die Photoshoperei, die ich meine, Mainstream knallibunti.

      Antworten

  • Dirk Schatz Mai 9, 2016 - 9:29pm

    Hallo Raik,

    Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich endlich die technischen Möglichkeiten die Milchstraße zu fotografieren. Damals habe ich die Bilder sehr Moterat bearbeitet, da ich versucht habe, die Bilder so zu lassen, wie ich sie erlebt habe. Prompt kamen von vielen Fotografen Kommentare, das mein Bild sehr nach RAW aussieht und es kamen auch Empfehlung wie ich sie bearbeiten kann. Die Ergebnissen hatten bei mir einen Wow-Effekt ausgelöst. Daraufhin habe ich mich mal im Internet umgeschaut, was es so an Milchstraßenbilder gibt und musste auch feststellen, je mehr bearbeitet um so besser kamen die Bilder an. Damals habe ich mir die selben Fragen gestellt, wie du jetzt. Ich habe daraufhin auch eine Fachvortrag von Astroprofis des Max-Planck-Institut für Astronomie besucht. Klar sie spielen in einer anderen Liga, als wir Landschaftsfotografen. Sie legen Wert auf Genauigkeit, um alles vermessen zu können und wir legen „nur“ Wert auf „Schönheit. Aber um ihr Ergebnis zu erreichen arbeiten sie mit ähnlichen Mittel wie wir, jedoch noch ausgeklügelter und komplizierter. Ziel ist es alle Störungen raus zurechnen. Dabei sind sie inzwischen so gut, das man mit irdischen Teleskopen bessere Ergebnisse erzielt als mit dem Hubble-Teleskop. Man hat auf der Erde einfach größere Spiegel und kann mehr Licht sammeln und es stört nur die Atmosphäre und das kann man rausreichten. Auch werden Bilder Tagelang belichtet (Licht in jeder Wellenlänge gesammelt). In jeder Wellenlänge sieht z.B. Unser Galaxie anders aus.
    Tja, jetzt stehen wir vor dem Dilemma, was wollen wir eigentlich mit unseren Fotos zeigen? Die Antwort darauf ist so vielfältig, wie die Anzahl der Leute, die man fragt plus eins. Fotografieren ist auch eine Art Kunst die jeder anderes Auslebt. Wäre es nicht so, dann gebe es „DAS BILD“. Aber das wird es nie geben. Jeder sieht ein Foto mit anderen Augen. In meinen Augen ist jede Art von Bearbeitung legitim (ob garnicht, wenig oder viel) . Jeder sollte seine Bilder so entwickeln wie es seiner Vorstellung entspricht. Bei 8 Milliarden Menschen wird man immer jemanden finden, der das Bild mag und einen der es nicht mag. Und wenn man genug Charakter hat, dann macht man Bilder ohne sich darum zu kümmern, das es möglichst vielen gefällt.
    Ich für mich sehe mich in der Experimentierphase. Ich bearbeite die Bilder, so wie sie mir gefallen, aber ich verschließe auch nicht die Augen vor Leuten, die anders darüber denken. Eigentlich sind das für mich die wichtigsten Leute, den sie öffnen meine Augen für andere Ideen. Ich setze mich mit jeder dieser Ideen sehr intensive auseinander und überlege ob ich sie übernehme oder nicht oder nur teilweise oder modifiziert. Jedoch hat sich aber (leider) auch der Trend dazu entwickelt, das stark bearbeitet Bilder besser ankommen. Vielleicht kommt es daher, das man sich mit „Normal“ schon satt gesehen hat. Dem kann man nur mit sehr aussagekräftigen Bilder entgegenkommen, z.B. besonderen Bildaufbau.
    Ach, da hast du ein Thema angestoßen, damit kann man lange Diskussionsabende füllen. Man kann es auch ausweiten, z.B. mit Themen wie Langzeitbelichtung, das sieht auch keiner so.
    Ich brech jetzt einfach mal an der Stelle ab und bin gespannt auf weiter Diskussionen.

    VG
    Dirk

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    • Raik Mai 10, 2016 - 6:42am

      Danke Dirk, eine sehr objektive Beschreibung dessen, was auch ich denke. Ich suche aber die Grenze für mich, wo ist noch Natur, wo ist zu viel Photoshop für Whow Effekte.

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  • Frank Winkler Mai 9, 2016 - 9:17pm

    Ist eine Langzeitbelichtung mit verwischendem Wasser Realität, sind verwischende Wolken Realität ist eine Nachtaufnahme mit 30Sek. Belichtung Realität ????? Wenn Du diese Fragen mit NEIN beantworten kannst, dann entspricht der oben verfasst Artikel in der Tat der Realität.

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    • Raik Mai 10, 2016 - 6:40am

      Mir geht es nicht darum, mit fotografischen Mitteln eine Bildwirkung zu erziehlen, denn das ist meine Arte der Arbeit. Ich versuche ein Bild in der Kamere fertig zu haben. Mein Anliegen ist, die Grenze zu finden zwischen verschieben und verbiegen von Bildinformationen um eine Bildwirkung in der EBV zu erzielen, die sich der Realität entzieht und einem Foto, das nicht dokumentarisch ist sondern einfach natürlich wirkt.

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