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FOTOGRAFIEREN KANN DIE SEELE HEILEN

Was nun tun, wenn die Ausgangsbeschränkung und das Kontaktverbot uns daheim fesseln, wenn lange Weile aufkommt, wenn der Frust wir eine Fieberkurve ansteigt? Die Nachrichten um die Covid-19 Geschichte bestimmen alle Medienkanäle.

Die Fotografenseele kränkelt, wenn die Enge der Betonwände der Lust nach Freiheit die Luft zum Atmen nimmt.

Seit Tagen herrscht trockene Luft, das Blau des Himmels, in seiner hier Daheim noch nie gesehenen klaren Farbe, wird von keinem Wölkchen gestört. Fotografisch gesehen lange Weile aber schön anzusehen. Nun kann ich dankbar sagen, ich wohne ländlich, keine kleine Wohnung sperrt mich ein, ich kann in meinem Garten Unkraut zupfen, mich unter die Pinie an meiner Terrasse legen und den Vogelstimmen lauschen. Ich kann die neueste NaturFoto lesen und alles sollte doch perfekt sein. Alle Fotos meiner jüngsten Südafrika-Reise sind entwickelt, ich würde gerne wieder hinter dem Stativ stehen, ich bin unterfotografiert! Manch einer rennt in der Verzweiflung durch den Garten oder sucht Fotomotive in der Wohnung.

Da kommt ein Wetterwechsel wie eine Erlösung, denn er deutet an, es könnte sich etwas tun, am trist blauen Himmel. Was macht der geneigte Fotograf?
Richtig, zu erst -und nur das- wird geschaut, ob da auf den Wetterkarten was gehen könnte. Erst dann lege ich fest, welchen Spot ich Morgen früh besuchen werde. Nun habe ich ein Luxusproblem, ich habe hier in meiner Region, dem Pfälzerwald, schon alle Locations mehrfach fotografiert. Doch das Luxusproblem ist ein Vorteil: ich kann in relativ kurzer Zeit raus und an wundervolle Stellen fahren, da weite Reisen untersagt sind, ein Trost. Mein Mitleid ist dem, der in der Frankfurter Innenstadt in einem Haus mit 50 Klingelschildern lebt.

Der Wetterwechsel ist da, ich stehe hier am Dachfenster, dicke Wolken ziehen auf, der Wind weht die Kirschblüten wie ein Schneegestöber durch die Gegend. Es bilden sich Mammatus Wolken, ich werde hibbelig. Von Einem Fenster zum Anderen laufe ich, und hadere mir mir. Blitzschnell packe ich den Rucksack und laufe ins fünf Minuten entfernet Feld. Der Wind biegt die Pappeln in langen Bögen auf und ab. Endlich mal was los, in den tristen Corona Zeiten. Für ein schnelles Foto muss es reichen, das Regenband ist knapp vor mir, ich will endlich mal wieder spüren wie es ist, auszulösen.
Es ist ein belangloses Motiv, kein Poster, aber egal, es heilt meine Seele!

Fotografieren kann die Seele heilen, so mancher Leser denk vermutlich, jetzt wird´s komisch. Doch es ist so, nicht nur bei diesem Hobby.

Im Keller meines kleinen Hauses habe ich einen Raum für mich eingerichtet.
Dort steht eine Hantelbank, ein kleines Schlagzeug, mein Fotokram steht rum
(sieht aus wie bei Calumet) und zwei Gitarren mit Verstärkern. Wenn es mir mal nicht so gut geht, dann drehe ich die Amps auf ein Nachbarschaft verträgliches Maß und spiele vor mich hin. Danach bin ich doppelt gut gelaunt, es entspannt meine Nerven und holt mich runter.

So geht es mir, wenn ich in der Natur stehe, die Zeit allein genieße und meine Fotos mache. Alle Gedanken sind weg, es herrscht einträglicher Frieden.

So geht es mir an dem heutigen Ostermontag. Die Wetterprognose des Vortags trifft so einigermaßen ein. Von Nordwesten zieht ein Wolkenband herein. Der Wecker wirft mich um 04:30 Uhr aus dem Bett, auf der Dreiviertel Stunde langen Fahrt kommen mir genau 5 Autos entgegen, so muss der Straßenverkehr in den sechziger Jahren gewesen sein.

Lämmerfelsen im Pfälzerwald, Morgenlicht, Dahner Felsenpfad, Wandern

Mein Stativ steht, mich umringt ein süßlich, würziger Duft von Kiefern, Vögel zwitschern, Rehe bellen und ein paar Falkenjungen schreien in das Morgenblau.  Dunstschleier liegen in den Senken und das Erste Orange des Morgens zeigt sich schüchtern am Horizont. Es ist ein schönes Gefühl, das alles so erleben zu dürfen. Gelegentlich während einer Langzeitbelichtung drehe ich mich um, entdecke in der Ferne weiße Tüpfel von Blüten und saftiges Grün an den Birken. Und ja, es macht mich tief glücklich, es heilt!

Lämmerfelsen im Pfälzerwald, Morgenlicht, Dahner Felsenpfad, Wandern

8 Comments

  • Jan Neumann April 25, 2020 - 10:25am

    Hi Raik,

    mit Vergnügen habe ich deinen Artikel gelesen. Nach meinem Ausflug in die Sensual Fotografie dürstet es mich wieder nach Landschaft. Die Sensual Fotografie hat mir nicht gut getan. Ich freue mich schon sehr, dieses Gefühl zu genießen, wie du es beschreibst! Liebe Grüße an Evelyn.

    Antworten

    • Raik April 29, 2020 - 6:41am

      Jan, schön von Dir zu hören!
      Du schreibst, Sensual hat Dir nicht gut getan. Wie muss ich das verstehen? Deine Fotos dieses Sujets sahen 1a aus, ästhetisch, anständig und gefühlvoll.
      Liebe Grüße

      Antworten

  • Benjamin Höger April 13, 2020 - 7:42pm

    Ich finde es wahnsinnig toll, dass Dir die Heimat so viel gibt und dass auch Du froh bist über ein belangloses Motiv.
    Habe den Wolken auch gehuldigt 🙂
    Bin gespannt wie alles weiter geht und hoffe die Kurse von Dir können doch noch stattfinden.

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    • Raik April 14, 2020 - 6:54am

      Ja Benny, ich weiss auch das kleine zu schätzen. Es muss nicht immer Sex mit dem Playmate von Seite eins sein, wenn ich das mal so in übertragenen Sinne chauvinistisch ausdrücken darf.
      Die Workshops werden weiter gehen, nur eine Frage der Zeit 😉
      Liebe Grüße

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  • Inge Straub April 13, 2020 - 9:29am

    Sehr schön geschrieben.. mir aus der Seele gesprochen… wenn ich fotografieren gehe bin ich auch in einer anderen Welt… und doch lähmt mich das alles jetzt hier…
    Und trotzdem ist die Natur gerade fantastisch!!! liebe Grüße Inge

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    • Raik April 14, 2020 - 6:52am

      Liebe Inge,
      es ist genau das, was uns am Leben hält, wenn der Alltag uns nervt.
      Bleib gesund, wir sehen uns…

      Antworten

  • Astrid Boermann April 13, 2020 - 8:48am

    Da liest man Leidenschaft und erkennt dir Sehnsucht deiner Seele. Sehr schön geschrieben.

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    • Raik April 13, 2020 - 8:52am

      Astrid, danke für deine Worte 😉

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